Kursfahrt des Kurses 12/3 nach Prag im Oktober/November 2000

Prag ist nie zuende. Von der Goldenen Stadt an der Moldau kann man gar nicht Abschied nehmen, ohne bereits an ein nächstes Wiedersehen zu denken. Und egal, was und wieviel man sich anschaut, mit welchen Objekten und Menschen man sich beschäftigt, die Prag erst zu dem mach(t)en, was es ist, man kennt Praha niemals vollkommen. "Prag lässt nicht los. Dieses Mütterchen hat Krallen...", rief einst Franz Kafka aus, und auch wir erfuhren, wie recht er hatte. Mit dem wohl berühmtesten Sohn dieser Stadt beschäftigten wir uns während unserer einwöchigen Kursfahrt sehr eindringlich und erfuhren an den verschiedenen Haltestellen seines Lebens eine Menge über seine doch eher düstere Lebensphilosophie, die geprägt war durch eine ewig problematische Beziehung zu seinem Vater. Wir lernten aber auch die Dinge kennen, welche ihm zu verschiedenen, wenn auch äußerst raren Glücksmomenten verhalfen. Von Frau Triltsch dazu genötigt, an jedem Vormittag ein Pflichtprogramm an etwas Sinnvollem, Kulturellem und Bildendem zu absolvieren, machten wir uns gleich am ersten Tag auf den Weg zu Kafkas Geburtshaus. In jenem befindet sich eine Dokumentation über sein Leben in Prag, die Inhalte seiner Werke und deren Bezug zueinander. Von außerordentlichem Interesse war diese Ausstellung für uns allerdings nicht, denn als vorbildlicher Deutsch - Leistungskurs hatten wir uns natürlich schon vorab innerhalb der heiligen Sphären von Frau Triltschs Unterricht über das Curriculum Vitae des Herrn Kafka beschäftigt. Anders hingegen sah es einen Tag später bei der Besichtigung der ehemaligen Judenstadt Josefov aus. Diese beinhaltete sowohl einen Rundgang über den malerischen Alten Jüdischen Friedhof, auf welchem keine geringere Persönlichkeit als der berühmte Prager Oberrabbi Löw beerdigt wurde, der einst als weiser Schöpfer des Golem Weltruhm erlangte, als auch den Besuch mehrerer Synagogen. Hierzu gehörten die um 1900 im neogotischen Stil erbaute Maiselsynagoge, die Spanische Synagoge, deren Umgebung einst traditionell das Zentrum der immigrierten Ostjuden war, ferner die heute als Gedenkstätte für die dem Nationalsozialismus zum Opfer gefallenen Bürger Böhmens und Mährens dienende Pinkassynagoge und die aus dem 17. Jahrhundert stammende Klausensynagoge. Nicht zuletzt sahen wir uns die bekannteste aller Synagogen, die Altneusynagoge, die zu den ältesten jüdischen Gebetsstätten Europas zählt, an. Tief betroffen machten uns alle die erschütternden Kinderzeichnungen aus dem Konzentrationslager Theresienstadt, welche in einer ständigen Ausstellung im sich dem Friedhof anschließenden Zeremoniensaal anzuschauen sind. Der Versuch, am dritten Tag die Prager Burg, den Hradschin, mit unserem Besuch zu beehren, misslang leider. Nachdem wir einer unermüdlichen Frau Triltsch ("Los, kommt Leute; wir sind gleich (???!) da...") über einen Zeitraum von wahrscheinlich tausend Stunden schweißtreibend und lechzend dem Anstieg des "Goldenen Gässchens" (Die zuständigen Leute für Straßennamensgebung in Prag sollte man verklagen !) zur Burgstadt gefolgt waren, wollten sich uns keine Türen öffnen und die Angestellten der Bibliothek im Kloster Strahov Mittagspause machen. Doch ohne nicht wenigstens zwei Blicke in den Philosophischen und den Theologischen Bibliothekssaal geworfen zu haben, (schließlich mussten wir die bewältigte Tortour vor unserem Gewissen rechtfertigen), verließen wir den Hradcany nicht. Als entschädigend erwies sich im Anschluss der Rückweg auf der Neuen Schlossstiege, von der wir einen pittoresken Blick auf die gesamte Stadt genossen. Vielleicht absichtlich Franz Kafkas Ideologie angepasst und daher so bedrückend konzipiert, was Raum und Räumlichkeiten angeht, empfing uns am letzten Tag eine Ausstellung, die mit zahlreichen, Kafkas Lebensstationen enthobenen Schwarzweißfotos und diversen dazu gehörigen Fragmenten aus seinem literarischen Schaffen aufwartete. Je nach Interessenstärke nahmen die Rundgänge unserer Kursmitglieder zwischen zehn Minuten und anderthalb Stunden in Anspruch, was positiv gesehen werden muss, denn die Schnellsten machten in der ihnen verbleibenden Zeit schon einmal die Restaurants mit dem besten altböhmischen Gulasch und handgemachtesten Knödeln ausfindig. Niemand kann also behaupten, wir hätten die pädagogischen Aspekte einer Kursfahrt vernachlässigt !! Doch nun zum spaßigen Teil unserer interessanten Woche: Traf man uns vormittags stets als einen großen Haufen an, den man jederzeit an Sofies nicht minder lautem Organ und nach den ersten zwei Tagen an zahlreichen glitzernden und verschieden farbig funkelnden Piercings erkannte, so spalteten wir uns allabendlich in mehrere Grüppchen, nämlich genaugenommen zwei. Tanzten die Mitglieder der einen die Nächte auf einem der vier Floors in der größten Disco Prags hindurch und testeten dort unter der Anleitung von hier nicht zu nennenden Refendaren ihre Trinkfestigkeit, so ergingen sich die Akteure der "Alternativtruppe" in stundenlangen Debatten, welche größtenteils in den Nachtstraßenbahnen Prags stattfanden, über den Tragekomfort von Jesuslatschen und andere essentielle Wahrheiten. Wie auf jeder anderen Kursfahrt, so wurden auch auf der unsrigen neue Freundschaften geschlossen oder bereits ältere neu gefestigt, und genauso ging bei uns in dieser Hinsicht auch einiges kaputt. Das einzige, was uns vielleicht noch fehlte, war eine kitschige, herzerwärmende Romanze zweier Deutschkursler, die sich in Prag gefunden haben.... Aber man kann ja nicht alles haben ! Wir hatten auf jeden Fall einen wahnsinnigen Spaß an dieser unheimlich tollen Woche in Prag und möchten uns auf diesem Wege bei einer überaus humanen, humorvollen und nonchalanten Frau Triltsch bedanken, ohne die es mit Sicherheit nicht halb so aufregend geworden wäre, wie es tatsächlich gewesen ist !!!!!!!!! Im Namen des gesamten Deutsch - Kurses 12/3:

Maja Starke

 
 
 
 
 
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