Vor einigen Jahren habe er manchmal vor zehn, fünfzehn Leuten gesessen, erzählt Serdar Somncu von seinen Erfahrungen, die er bisher bei seinen "Mein Kampf"-Lesungen gesammelt hat. "Es ist schon mal vorgekommen, dass eine Veranstaltung wegen Publikumsmangel ausgefallen ist." Davon ist man an diesem Montagabend des noch jungen Jahres 2001 weit entfernt. Immer wieder werden Stühle in die Aula getragen, die schon eine halbe Stunde vor Beginn aus allen Nähten platzt. Wer erst kurz vor Beginn kommt, muss entweder stehen oder sich mit einem Platz außerhalb der Sichtweite des Podiums begnügen. Es ist die Auftaktveranstaltung zum "Kleinen Symposium" und die Heinrich-Böll-Stiftung hat den Veranstalterinnen aus der zwölften Klasse gleich einen Knüller beschert: Serdar Somncu, Schauspieler und Regisseur tourt seit fünf Jahren durch Deutschland und Österreich mit einem Programm, dass es in sich hat. Das Buch, das Adolf Hitler im Münchener Gefängnis seinem Sekretär Rudolf Heß in die Schreibmaschine diktierte und das anschließend in einer Auflage verkauft wurde, wie zuvor nur die Bibel - das ist sein Programm. Somuncu "liest und inszeniert, entmystifiziert Hitler, indem er ihn bloßstellt", heißt es auf dem orangefarbenen Flyer, der wochenlang für die Veranstaltung geworben hatte. Und damit provozierte er eine Frage, die nicht nur in den deutschen Feuilletons heftigst diskutiert wurde: Darf man über diesen Text wirklich lachen? "Ja", bekräftigt Somuncu, schließlich sei dies ein "ziemliches Scheißbuch". Und er stellt dieses Urteil anhand zahlreicher Auszüge im Verlauf der eineinhalb Vortragsstunden eindrucksvoll unter Beweis. "Wir müssen souveräner bleiben und auch nicht immer gleich fürchterlich erschrecken, wenn jemand Heil Hitler ruft", sagt Somuncu. Es sei wichtig "sich wachen und analytischen Verstandes mit Gedachtem, Ausgesprochenen, Aufgeschriebenen auseinander zu setzen, ohne gleich völlig paralysiert zu sein". Mit Verstand, Selbstbewusstsein und klugem Witz könne man gefährliche Situationen entschärfen. Und der Witz - das betont er ausdrücklich - müsse vor den Opfern halt machen. Wenn man Opfer und Täter nicht auseinander halten könne, habe man nichts verstanden. Er halte nichts von "Agit-Prop", betont der Schauspieler, und gibt zu bedenken, dass wenn man mal wieder Lichterketten bilde, die Opfer meist schon tot seien. Courage müsse vorher einsetzen, und dabei könne man auch heute in Deutschland nichts anderes fordern, als "immer wieder sich selbst". Das Anliegen, das er heute zum 999. Mal vertritt ist eine Auseinandersetzung mit den Inhalten zu führen. Das Buch sei ein einziger Mythos und das zu Unrecht, wie Somuncu feststellt. Zum inhaltlichen "Schwachsinn" gesellen sich dutzendweise Rechtschreib- und Grammatikfehler. So kann sich das Publikum bei den vorgetragenen Textpassagen vor Lachen kaum noch halten. Viele wischen sich die (Lach-)Tränen aus den Augen oder haben mit akuten Atemproblemen zu kämpfen. Doch die Vorstellung wird nie zur Comedy-Show. Serdar Somuncu will aufklären über das Buch, das in Deutschland noch immer verboten ist. "Zum Schutze des Ansehens der Deutschen im Ausland" habe der Rechtebesitzer, das bayerische Finanzministerium, das Nachdrucken und Verkaufen von "Mein Kampf" untersagt. Im Ausland könne man das Werk allerdings in jedem Buchladen erwerben. Somuncu erzählt, dass das Buch in der Türkei als "eines der großen Werke antimarxistischer Weltliteratur" beworben werde. Wie löcherig die Bestimmung aus Bayern inzwischen geworden ist, zeigt das jeder das Buch via Internet auch in deutscher Sprache ordern könne. Am Ende des Abends wird Serdar Somuncu bejubelt und mit stehenden Ovationen verabschiedet. Am Schluss gibt er allen noch etwas mit auf den Weg: Wir junge Menschen sollten die Geschichte nicht als Belastung ansehen - sondern als Herausforderung. Schlussbemerkung: Einen Tag später fand die 1000. "Mein Kampf"-Lesung im Potsdamer Hans-Otto-Theater statt. Wenige Stunden zuvor war eine Bombendrohung eingegangen, so dass der Schauspieler mit einer schusssicheren Weste bekleidet auftrat.
Felix Wadewitz