Schon zum zweiten Mal haben sich die 12er Kurse an einem Wochenende zusammengefunden, um mit professioneller Hilfe außerhalb des Kunst-Alltags kleine Meisterwerke zu erschaffen. Die derzeit in der Aula laufende Ausstellung zeigt die Ergebnisse dieses einmaligen Erlebnisses.

Schrecklich, so vor einem weißen Blatt zu sitzen und nicht zu wissen, wie, wann und ob überhaupt es sich füllen wird. Ein solches Gefühl kommt sicher jedem bekannt vor, und jeder kennt auch den Punkt, an dem man sich zusammenreißt und einfach loslegt. An solche und andere Wendepunkte sollte wir, eine Kleingruppe aus der Jahrgangsstufe zwölf, am 9. und 10. Februar 2008 während des zum zweiten Male stattfindenden Kunstseminars am Humboldt-Gymnasium, nicht nur einmal gelangen.
Begonnen hatte alles am Tag der offenen Tür um neun Uhr. Mit Schlafsäcken, Matratzen, Essen, Trinken und allem, was zu einer Übernachtung in der Schule dazugehört, kamen wir an, voller Erwartung, aber ohne eine richtige Ahnung von dem, was uns erwarten sollte. Im Kunstraum wartete bereits eine verblüffend zarte weibliche Erscheinung, die in Zeitschriften und Bücher vertieft am Lehrertisch stand, sich mit Frau Ludwig und Frau Wilsky lebhaft unterhielt und ihnen offensichtlich gerade das Motto des Wochenendes nahe brachte. Dieses stand bereits in großen Lettern an die Tafel geschrieben: Parasitäre Strukturen. Damit waren fürs Erste alle Klarheiten beseitigt.
Die zarte Erscheinung stellte sich als Christina Marotzke heraus, eine freischaffende Künstlerin aus Berlin, die das Seminar leitete. Und dass ihre äußere Erscheinung irreführend ist, sollten wir auch schon bald bemerken. Denn nach einer kurzen Erklärung, was denn Parasiten mit Strategie und Kunst zu tun haben und dass wir uns mit Flächen, Strukturen und Zeichnungen beschäftigen würden, ging es auch sofort los - mit einer roten Fläche und ohne, dass wirklich jeder den Sinn des Parasiten in einem Werk verstanden hatte. Dieses Verständnis konnte erst im Laufe der Zeit nach dem "Lerning by Doing"-Prinzip erworben werden, was das kontinuierliche Arbeiten über zwei Tage hinweg letztendlich notwendig machte.
Zunächst einmal vertieften wir uns noch etwas skeptisch pinselnd, streichend, schabend, klecksend oder pustend in unsere roten Flächen. Doch gerade, als wir uns mit denen ein wenig angefreundet hatten, kam auch schon der Hinweis auf die uns davonlaufende Zeit die Aufforderung, jetzt endlich einmal mit einer Struktur zu beginnen. So fertigten wir rote Strukturen am laufenden Band, lernten, ohne es wirklich zu merken, solche Flächen zu unterscheiden und überwanden Dan des teils sanften, teils energischen Drucks von Christinas Seite aus unsere Angst vor dem weißen Blatt Papier. Wer die Struktur irgendwann satt hatte und die Farbe rot nicht mehr sehen konnte, fertigte kleine Handzeichnungen an, die im Grund nicht einmal etwas Bestimmtes darstellen mussten aber irgendwie zu Struktur und Fläche passen sollten.
Ehe wir uns versahen, hatte jeder von uns mehrere Flächen, Strukturen und zeichnungen vor sich liegen und war an einem schwierigen Punkt angelangt, den es zu überwinden galt - nämlich immer eines von jedem auszuwählen und die drei Komponenten zu einer harmonischen Einheit zusammenzustellen. Eine weitere Schwierigkeit stellte nun auch der Parasit dar - ein Störelement, welches in die Zeichnungen eingebaut werden und eigentlich nich zu ihnen passen sollte, das ganze Gefüge aber doch irgendwie vervollkommnen musste. Das klingt kompliziert und nicht gerade konkret, und es beschäftigte uns dermaßen intensiv, dass wir uns nach wenigen Pausen und bald neun Stunden Arbeit nur noch auf eine Pizza, einen schönen Kunstfilm ("Das Mädchen mit den Perlenohrringen", sehr empfehlenswert) und schließlich auf unser Bett in Form einer Isomatte freuten.
Nach einer etwas kühlen Nacht in Herrn Johanns Klassenraum wurden wir am nächsten Morgen viel zu früh und viel zu fröhlich von Frau Ludwig geweckt, frühstückten ausgiebig und erwarteten in den meisten Fällen ohne große Lust zum Weitermachen Christina, die die Nacht nicht mit uns in der Schule verbracht hatte. Nur schwer konnte sie uns wieder an unsere Arbeiten bewegen, die halbfertig auf Vervollkommnung warteten. Dass zum Handwerk eines Künstlers eine ganze Menge Selbstdisziplin gehört, war eine wichtige Einsicht, die wir am Ende mit nach Hause nahmen. Eine kleine Aufwärmübung (wir sollten poskartengroße Zeichnungen zu vorgegebenen Gefühlen anfertigen) holte uns aber relativ schnell wieder in die Kunst zurück, sodass wir die restlichen vier Stunden noch hochkonzentriert mit unseren Arbeiten verbringen konnten.
Am Ende hatte dann jeder drei oder vier kleine Kunstwerke vor sich liegen - alle total unterschiedlich, völlig außergewöhnlich und bestimmt nicht das, was wir uns noch einen Tag früher vorgestellt hatten. Zufrieden waren aber letztendlich alle mit ihren Arbeiten, sowohl Lehrer als auch Schüler. Und so ging ein sehr produktives Wochenende zu Ende, gefüllt mit etwas Skepsis, viel Neugierde, überraschenden Ergebnissen, großem Erstaunen und ziemlich vielen Erkenntnissen und Einsichten.
So viel Arbeit sollte sich natürlich auch lohnen, so viele Ideen nicht in einer staubigen Ecke dahinvegetieren. Wie schon im letzten Jahr konnten wir in der Aula unsere Ergebnisse ganz offiziell präsentieren, und auch dieses Mal sollte die Ausstellung allen Schülern zugänglich sein. Am 22. April war es endlich soweit - pünktlich zum Nachmittag es Abschieds der 13er am Vortag konnten wir unsere Kunstwerke sicher vor möglichen "Angriffen" der Abiturienten aufhängen und am nächsten Abend präsentieren.
Die Ausstellungseröffnung begann um 19 Uhr in der Aula, wo die Werke noch bis Ende Juni hängen werden. Es waren zahlreiche Lehrer, (ehemalige) Schüler, Familienangehörige, Freunde und Bekannte gekommen, um in schöner Atmosphäre zu bestaunen, was wir in stundenlanger Arbeit zustande gebracht hatten.
Nach einer kurzen Einführung durch unsere Koordinatorin und Projektbetreuerin Frau Ludwig, einem Erfahrungsbericht der Workshop-Teilnehmerin Caroline Bartels und einer lieben Danksagung an alle Gäste durch die betreuende Künstlerin Christina Marotzke hatten die Besucher die Möglichkeit, mit den Künstlern ins Gespräch zu kommen. Dieses Angebot wurde zuhauf genutzt, jedes Werk genau betrachtet, analysiert und interpretiert. Es war ein besonders schönes Gefühl für uns als Künstler, dass sich die Besucher so intensiv für unsere Arbeiten interessierten und dass wir auch unsere Gedanken dazu preisgeben konnten. Nach einer vollen Stunde des kulturellen Austausches waren dann die meisten Fragen beantwortet und alle Teilnehmer erschöpft, aber zufrieden. Es war ein erfolgreicher Abend geworden, und es wäre schade, ein solches Erlebnis den nachfolgenden Jahrgängen vorzuenthalten. Wie schon Frau Ludwig zur Eröffnung gesagt hatte: Wir hoffen und wünschen uns, dass dieses Kunstprojekt zu einer neuen, einzigartigen Tradition am Humboldt-Gymnasium wird.
Exkursion des Leistungskurses Kunst 11 im Jahr 2005 nach Leipzig
Exkursion des Leistungskurses Kunst 12 im Jahr 2006 nach Amsterdam
Kunstreise des
Leistungskurses Kunst 13 im Jahr 2007
Beispiele aus der Unterrichtsarbeit